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Neue Grundschule überzeugt mit offener Atmosphäre
18.12.2017 – www.treffpunkt-kommune.de

Insa Lüdtke

Die neue Grundschule in Egestorf bei Hamburg vereint schulische und öffentliche Nutzungsbereiche. Die Architekten legten im Außenbereich Wert auf optimale Gliederung der Baukörper, im Inneren auf flexible Grundrissgestaltung. Die Öffnung der Räume bis zum Giebel kommt der Akustik zugute.

Die niedersächsiche Gemeinde Egestorf (2.500 Einwohner) hat seit diesem Schuljahr eine neue, energieeffiziente Grundschule. Der über Jahrzehnte gewachsene Bestandsbau der ehemaligen Grundschule im Ortszentrum stand zur Disposition. Die Samtgemeinde Hanstedt entschied sich im Hinblick auf zukünftige Nutzungen wie die der Ganztagsschule für einen Neubau am Ortseingang von Egestorf. Aus dem hochbaulichen Gutachterverfahren ging der Entwurf des Architekturbüros Feldschnieders + Kister Architekten BDA als Sieger hervor. Dem Prozess vorgeschaltet war ein moderierter Workshop zur Bedarfsermittlung.

In ihrem Entwurf greifen die Bremer Architekten auf die Typologie des Langhauses zurück, das sich als klassischer Baukörper mit tragenden Außenwänden und einem Giebel darstellt. „Die Gebäudeform erfüllt alle Anforderungen an die lokale Gestaltsatzung und bringt gleichzeitig eine maximale Flexibilität und Variabilität in der Grundrissgestaltung mit sich“, sagt Architekt Stefan Feldschnieders.

Die in den Jahren 2015 bis 2017 errichtete Grundschule (Projektkosten 4,1 Millionen Euro) ist ausgelegt für 140 bis 150 Schüler. Vier Häuser im Rhythmus 2:2 gegeneinander verschoben, mit lokalem Torfbrandklinker verkleidet, bilden das Gebäudeensemble, sodass ein öffentlich orientierter Vorplatz zur Dorfmitte und ein privater Schulhof zur Landschaft entstehen. Auf diese Weise wird der Außenraum optimal gegliedert und das Gebäudeensemble verteilt sich selbstverständlich auf dem Grundstück.

Der zentrale Baukörper nimmt die transparente Eingangshalle auf. Sie dient als Aufenthaltsbereich und Verteiler und beherbergt die Räume der Verwaltung. Die Schülerbibliothek mit dem Multifunktionsraum für Präsentationen und Besprechungen ist so angeordnet, dass sie sowohl über die Empfangshalle als auch vom Schulhof erreicht werden kann. Im geschützten Außenbereich lädt sie zum Lernen und Lesen ein. Über Empfangshalle gelangt man zum „Freizeithaus“ mit den Räumen der geräuschvolleren Lernbereiche.

Flexible Räume schaffen verschiedene Nutzungsmöglichkeiten

Die transparente Fuge dient als Erweiterung der Empfangshalle und schafft zugleich einen großzügigen Vorbereich zu Musikraum, Mensa und Kreativraum. Die Mensa ist das Herz des Freizeithauses und kann mit dem Musikraum als Bühne über die geöffnete Faltwand verbunden werden. Ein großes Schaufenster schafft Einblicke in das Leben der Schule und der Gemeinde, denn das „Freizeithaus“ kann auch unabhängig vom Schulbetrieb etwa in den Abendstunden für Veranstaltungen genutzt werden.

Den dritten und vierten Baukörper bilden die beiden rückwärtig auf das Grundstück gesetzten Lernhäuser. Eines nimmt jeweils drei baugleiche Klassenräume und einen offenen Betreuungsraum als Lernlandschaft auf. Im anderen gibt es vier Klassenräume mit einem Differenzierungsflur. Verbunden sind die Baukörper wieder über transparente Fugen. Temporäre Gruppenräume laden zur Einzelarbeit ein. Die Klassenräume werden auf der Südseite über einen offenen Lernbereich erschlossen. Variierende Fensteröffnungen in diesem Bereich schaffen viele kleine Nischen und Sitzmöglichkeiten für freies Lernen und Spielen. Große Fensteröffnungen nach Nordosten belichten die Klassenräume. Zugleich öffnen sie sich jeweils mit einem Austritt zum Außenraum. „Das große bis in den Giebel offene Raumvolumen kommt der Akustik zugute und schafft eine offene Atmosphäre“, erläutert Architekt Tobias Kister.

Architekt Feldschnieders betont: „Die volle Raumhöhe der Langhäuser schafft optimale raumklimatische Bedingungen durch Querlüftung über vereinzelte Dachfenster. So konnten wir auf eine Lüftungsanlage für die Klassenräume verzichten, sie ist lediglich auf den Küchen- und Mensabereich beschränkt.“ Das Gebäude verfügt zudem über eine optimale Tageslichtausnutzung, sodass im Normalbetrieb auf künstliche Belichtung verzichtet werden kann. Mit diesen einfachen Maßnahmen ist es gelungen, ein energieeffizientes Gebäude zu errichten.

 

Bürgermeister Olaf Muus im Gespräch
Olaf Muus, Bürgermeister der Samtgemeinde Hanstedt, antwortet auf Fragen zur neuen Grundschule in Egestorf.

Herr Muus, wieso haben Sie sich für diesen Entwurf entschieden?

Muus: Uns hat bei diesem Konzept besonders die schon im Schwarzplan klar erkennbare Struktur überzeugt. Die Klinkerfassade vermittelt zwischen moderner Architektur und orts­typischem Charakter. Die Multifunktionalität etwa für außerschulische Nutzungen erfüllt alle Anforderungen an ein zeitgemäßes Schulgebäude. So haben wir viel mehr als eine Schule.

Worin sehen Sie die Hauptaufgabe des neuen Schulbaus?

Muus: Auch im ländlichen Raum besteht Bedarf für neue Schulen. Auch hier wächst die Nachfrage nach einem Ganztagsangebot. Wenn nicht heute, so müssen wir in Zukunft darauf reagieren können. Hier gilt es, jetzt vorzubauen.

Wie ist die Resonanz im Betrieb?

Muus: Es zeigt sich schon jetzt, dass der Ansatz der vier Lernhäuser sich auch in der Praxis bewährt. Dies ermöglicht eine sehr gute Differenzierung, gerade auch der Laut- und Leisebereiche.

Interview: Insa Lüdtke

 

Die Autorin
Insa Lüdtke, Berlin, ist Journalistin und Moderatorin in den Bereichen Architektur, Gesundheit und Gesellschaft (www.cocon-concept.com)

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